Deutsches Kastrationszentrum in Sofia

Die Straßentiere in Bulgariens Hauptstadt

 

Es begann alles mit einem  Hilferuf.

 

„Bitte kümmern Sie sich um die Straßenhunde hier in Sofia“, bat ein deutscher Botschaftsangehöriger,

denn er sah in den etwa 100.000 Streunern in der Stadt ein Riesenproblem. Und das war es auch.

Die Situation der Straßenhunde war ein hochemotionales Thema, das die Bürger der Stadt spaltete.

Die hungrigen Tiere wühlten in Müllcontainern, sie verschmutzten Kinderspielplätze und griffen

manchmal sogar Menschen an.  Ungepflegt und verwahrlost waren sie optisch kein Renomee für eine

Stadt, die sich dem Westen annäherte und ein modernes Bild bieten wollte.

Doch woher plötzlich diese Zunahme an Straßenhunden nach der Wende? Bis zur Wende waren die

Hunde zum Abschuss freigegeben. Die Tiere hatten keine Lobby.  Hinzu kam dann das Verbot, Hunde

in Wohnungen zu halten. Manche hielten daher ihre Fellnasen auf Balkonen, andere setzten sieauf

der Straße aus. Beides keine gute Lösungen, wobei die sich nun unversorgt und allein gelassenen

Hunde besonders schwer taten. Sie wurden ins Elend gestoßen.

Auf der Suche nach Lösungen erwies sich ein Gremium der tiermedizinischen Fakultät der Universität

Sofia als sehr aufgeschlossen. Die Dozenten erklärten sich bereit, Straßentiere zu kastrieren mit dem

Hintergrund,  dabei den Studenten der Tiermedizin Wissen weiter zu vermitteln.

Grundidee war, Tiere zu kastrieren und an ihrem Stammplatz wieder auszusetzen. Kastration als

vordringlichste Aufgabe, um Nachwuchs zu verhindern, den wiederum eine elende Zukunft auf der

Straße erwarten würde. Außerdem verhalten sich kastrierte Rüden weniger aggressiv, Hundekämpfe

werden dadurch geringer. Früher wurden die Streuner von Hundefängern aufgegriffen und in eines

der berüchtigten Tötungslager gebracht. Das Tötungslager für die Hunde von Sofia befand sich

damals im Stadtpark Lozenec.

Der Vorstand der  Tierhilfe Süden e.V.  machte durch Öffentlichkeitsarbeit und Spendenaufrufen auf

das Tierelend in Bulgarien aufmerksam. Es war ein langer, mühevoller Weg,  Menschen vor Ort und

Behörden zu überzeugen, doch im Herbst 1999 war es soweit. Mit einem großen Medienaufgebot

konnte das Deutsche Kastrationszentrum der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Sofia

eröffnet werden. Es erwies sich als Segen für die operierten Tiere.

Die Zusammenarbeit mit den Professoren und Dozenten der Tiermedizinischen Fakultät ist bis zum

heutigen Tag hervorragend. Es wird gute Arbeit geleistet. Die Universität genießt international

einen ausgezeichneten Ruf und nimmt inzwischen auch Studenten aus dem Ausland auf. Im Laufe der

Zeit wurden in der Universität tausende Tiere kastriert. Aktuell sind es immer noch  durchschnittlich

150 Hunde monatlich, an denen der Eingriff vorgenommen wird. Die Tierhilfe Süden e.V. übernimmt

seit 1999 die anfallenden Kosten für Medizin und Nachversorgung im Kastrationszentrum.

Bulgarien ist noch immer ein armes Land, die Demokratisierung des einst kommunistischen Staates

verläuft nicht ohne Stolpersteine. Es ist ein Lernprozess, der das Land aber schon relativ weit ge-

bracht hat, seit Januar 2007 ist Bulgarien Mitglied der Europäischen Union.

Der ehemalige Bürger-meister von Sofia, Boris Borrisov, der die Arbeit der Tierhilfe Süden e.V. anerkannte

und unterstützte, wurde 2009 zum Ministerpräsidenten des Landes gewählt. In seiner Amtszeit wurde

viel erreicht und durch die konstante Tierschutzarbeit hat sich auch das Bild von Bulgariens

Hauptstadt Sofia positiv verändert.

Um die Situation mit den Straßenhunden nicht erneut eskalieren zu lassen, ist die Fortsetzung

der Kastrationen auch weiterhin eine dringliche Aufgabe. So wie der Zuzug von Wildtieren in die

Großstädte zunimmt, ziehen Tiere aus dem ländlichen Umfeld von Sofia in die Hauptstadt, in der es

trotz aller Not leichter ist, an Futter zu  gelangen.  In unserem letzten Rundschreiben finden Sie einen

Bericht zum Kastrationszentrum, das zum jetzigen Zeitpunkt in ein kleines Tierheim umgewandelt wurde.

 

 

Die Tierhilfe Süden e.V. ist in Sofia  seit dem Jahr 1999 tätig. Mit der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität begann eine erfolgreiche Zusammenarbeit  zur Bekämpfung des Tierelends in den Straßen von Sofia. Wichtiges Ziel war die Reduzierung der Population der Straßenhunde durch Kastrationen.

Die Tierhilfe Süden hat Gelder für die Dozenten der Universität zur Verfügung gestellt und konnte dadurch eine bis heute bestehende gute Verbindung aufbauen.  1999 wurde das Deutsche Kastrationszentrum,  ein postoperatives Nachsorgezentrum für  kastrierte Hunde von der THS finanziert und in Betrieb genommen.  Die gebrachten Tiere werden kastriert, markiert, entwurmt und geimpft, das weitere Leben ist jedoch die Strasse.
Das Projekt beinhaltet bis zum heutigen Tage, dass  die Bürger von Sofia kostenlos ihre Hunde und die Straßenhunde (es gibt dort eine hohe Anzahl) in der Universität vorstellen und kastrieren lassen können.
In den Jahren von 1999 bis 2011 wurden ca. 30.000 Streuner durch die Hilfe der THS kastriert. Diese Zahl zeigt, wie dringend dies notwendig war und weiterhin notwendig ist.  Die Tierhilfe Süden konnte auch viele ansässige Tierärzte zu günstigen Konditionen gewinnen, in ihren Privatpraxen die Straßenhunde zu kastrieren. 
Die wichtigste tierschützerische Aufgabe in diesem Land ist und bleibt die Kastration der Hunde und Katzen. Im Laufe der Zeit hat sich das Kastrationszentrum in Richtung Tierheim entwickelt.  Dort leben ca. 100 Hunde in diesen eigentlich nicht als Tierheim konzipierten Räumen, auf engem Raum.
Die Tiere fühlen sich trotzdem wohl, denn sie sind sicher vor Quälereien, Hunger und Not.  Raum ist in der kleinsten Hütte, Hauptsache es ist warm und der Futternapf ist voll. Auch diese Hilfestellung  - ein kleines Tierheim – wird ausschließlich von der Tierhilfe finanziert, wobei nochmals angemerkt sei, dass unsere Hauptaufgabe die weiterführenden Kastrationsmöglichkeiten mit der Universität sind.
Projektleitung: Heidi Pickel     


Die Arbeit der letzten Jahre finden Sie in unserem Archiv:

 

http://www.tierhilfe-sueden.de/de/html/Projekte/Bulgarien/kastrationszentrum.html